Christoph Dahms Schlagfertigkeit


Interview mit Christoph Dahms zum Thema „Schlagfertigkeit“

Diese ausgesuchten Fragen werden im Text beantwortet:

1. Wie beurteilen Sie die Entwicklung, dass zahlreiche andere Trainer und Autoren das Thema „Schlagfertigkeit“, das Sie Anfang der 90er Jahre mit Ihrer Veröffentlichung „Die Magie der Schlagfertigkeit“ groß gemacht haben, inzwischen aufgenommen haben?

2. Warum haben Sie Anfang der 90er Jahre begonnen, sich mit Schlagfertigkeit auseinander zu setzen?

3. Für wen ist Schlagfertigkeit denn überhaupt wichtig? Wer kommt alles zu Ihnen, um schlagfertiger zu werden?

4. Wie stehen Sie zu sehr aggressiver Schlagfertigkeit?

5. Wo liegen die Motive, sich in der heutigen Zeit intensiv mit Schlagfertigkeit zu beschäftigen?

6. Ist schlagfertiges Auftreten immer sinnvoll?

7. Wie bestimmen Sie denn Schlagfertigkeit von ihrem Inhalt her?

8. Ist Schlagfertigkeit wirklich lernbar?

9. Ist Schlagfertigkeit immer witzig?

10. Dann dient Schlagfertigkeit ja doch auch bei Ihnen manchmal dazu, andere mundtot zu machen?

11. Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Ihr Training die Manipulation fördert?

12. Wie haben Sie Ihre Schlagfertigkeitstechniken gefunden?

13. Welches sind die wichtigsten Techniken der Schlagfertigkeit?

14. Wie lange braucht man denn, um die Techniken der Schlagfertigkeit zu beherrschen?

15. So, wie Sie das ja aus zahlreichen anderen Interviews kennen, lassen Sie mich nun einige Angriffe formulieren und Ihre Reaktionen erfahren.

16. Wenn man persönlich angegriffen wird, ist es sehr schwer, schlagfertig zu kontern. Gehen Sie in Ihren Seminaren auch auf diese Problematik ein?

17. Wie machen Sie Menschen in Ihren Seminaren schlagfertiger?

18. Können denn alle Menschen die gleichen Techniken einsetzen?

19. Was passiert denn, wenn in einem Gespräch beide Gesprächspartner Ihre Schlagfertigkeitstechniken kennen? Gibt es denn dann nicht ein einziges Hauen und Stechen?

20. Herr Dahms, Schlagfertigkeit ist ein komplexes Thema mit zahlreichen interessanten Aspekten. Wir konnten hier nur Teile streifen. Darf ich Sie dennoch darum bitten, uns einen Tipp für gelungene Schlagfertigkeit zu geben?

Das Interview:

1. Herr Dahms, danke, dass Sie uns für ein Interview zur Verfügung stehen. Sie waren der erste Trainer in Deutschland, die sich mit dem Thema „Schlagfertigkeit“ beschäftigt haben. Seit 1990 gibt es nun Trainingsveranstaltungen von Ihnen zu diesem Thema. Zahlreiche andere Trainer und Autoren haben das Thema aufgenommen und vermitteln entsprechende Methoden. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Christoph Dahms: Das zeigt, wie wichtig kommunikative Bildung und speziell Schlagfertigkeit inzwischen sind. Es gibt heute Tausende von Internetseiten, hunderte von Veröffentlichungen und zahlreiche erfolgreiche Schlagfertigkeitstrainerinnen und -Trainer, die ich teilweise selbst ausgebildet habe. Damit war am Anfang nicht zu rechnen. Das alles spricht für die Größe der Idee, Schlagfertigkeit lehr- und lernbar zu machen. Es ist ein sehr gutes Gefühl, wenn eine Idee so gut funktioniert.
Der große Zuspruch zu dem Thema zeigt auch den enormen Bedarf an Kommunikationsbildung. Beruflich werden immer mehr Aufgaben in Gruppen oder Teams gelöst. Das erfordert Kompetenzen in personaler Kommunikation. Es ist vielfach notwendig, gemeinsam mit anderen Menschen zusammen, Probleme zu lösen oder Konsens zu finden. Ob Sie da in Unternehmen, Universitäten, Kirchen, Schulen, öffentliche Verwaltungen, die Politik oder soziale Organisationen schauen, meistens geht es um Teamleistungen.
Dazu kommt, dass Bildung in diesem Bereich in Deutschland häufig noch stiefmütterlich behandelt wird. Menschen machen beispielsweise hoch qualifizierte Abschlüsse an Hochschulen, ohne sich mit Rhetorik, Gesprächsführung oder Schlagfertigkeit auch nur in Ansätzen auseinandergesetzt zu haben.


 

2. Ihr Buch zum Thema ist 1992 erschienen. Nach meiner Information veranstalten Sie seit 1990 Seminare zum Thema „Schlagfertigkeit“. Warum haben Sie Anfang der 90er Jahre begonnen, sich mit Schlagfertigkeit auseinander zu setzen?

Christoph Dahms: Wir haben seit Ende der 80er Jahre Seminare zu Themen wie „Rhetorik“, „Verkaufen“, „Zeitmanagement“, „Verhandeln“, „Gesprächsführung“ und „Menschenführung“ durchgeführt. Die Teilnehmer waren Menschen aus unterschiedlichen Umfeldern der Wirtschaft und Politik. Es gab auch zahlreiche offene Seminare mit sehr heterogenen Teilnehmergruppen. So habe ich die kommunikativen Probleme vieler Menschen kennen gelernt. Dabei wurde deutlich, dass immer dann Schwierigkeiten in der Kommunikation auftraten, wenn beispielsweise Störer in Reden oder Einwände und persönliche Angriffe in Gesprächen auftraten. Ausgehend von diesen Erfahrungen habe ich nach rhetorischen Möglichkeiten gesucht, die Menschen helfen, solche Situationen souverän zu meistern. Aus der Beschäftigung mit rhetorischen Verfahren für schwierige Kommunikationssituationen des Alltags ist dann das Dahms-Konzept zur Schlagfertigkeit entstanden. Seitdem wurde es kontinuierlich weiter optimiert und stellt heute einen wichtigen Baustein in unseren Programmen zur Persönlichkeitsbildung dar.


 

3. Ihr Schlagfertigkeitstraining ist dann aus den erkannten kommunikativen Defiziten von ganz verschiedenen Menschen entstanden. Das klingt so, als ob viele Menschen eigene Schlagfertigkeit vermissen. Für wen ist Schlagfertigkeit denn überhaupt wichtig? Wer kommt alles zu Ihnen, um schlagfertiger zu werden?

Christoph Dahms: Bei der Kunst der Schlagfertigkeit geht es darum, in schwierigen Situationen sprachlich gekonnt zu agieren. Insofern ist das Schlagfertigkeitstraining für jeden sinnvoll, der solche Situationen hat. Beispielsweise kommen viele Führungskräfte zu mir, die Gespräche mit schwierigen Mitarbeitern führen müssen. Eine andere Gruppe sind Verkäufer, bei denen es ja schon immer darum ging, Einwände und Bedenken des Kunden sprachlich geschickt aufzugreifen. Nur so ist überdurchschnittlicher Verkaufserfolg zu erreichen. Wer alle Einwände seines Kunden entkräftet, verkauft. Politiker sind beginnend auf kommunaler Ebene bis hin zu den höchsten Kreisen auf Bundesebene der Kritik des politischen Gegners ausgesetzt. Gerade hier ist der Erfolg, beispielsweise in Debatten, häufig auch eine Frage des schlagfertigen Auftretens. Es kommen aber auch die Eltern, die mit ihren Kindern mithalten wollen, oder der junge Schulabgänger, der sich für Einstellungsinterviews und Assessmentcenter fit machen möchte. Wir haben solche Seminare auch schon in Zusammenarbeit mit Jugendämtern für Lehrer und Erzieher durchgeführt. Polizisten nutzen Schlagfertigkeit, um ihre Aufgaben sprachlich zu erfüllen. Es gibt Schlagfertigkeitsseminare für Offiziere, die Autorität ihren Mannschaften gegenüber nicht nur über die einfachen Befehl-und-Gehorsam-Verfahren gewinnen möchten, sondern auch persönliche Autorität anstreben. Ich habe auch Radiomoderatoren und Journalisten in die Kunst der Schlagfertigkeit eingeführt. Schlagfertigkeit gehört ähnlich wie Rhetorik und Gesprächsführung zur umfassenden Persönlichkeitsbildung dazu. Außerdem macht es sehr viel Spaß, sich damit zu beschäftigen. Das macht das Thema „Schlagfertigkeit“ besonders attraktiv.


 

4. Also ist Schlagfertigkeit für jeden wichtig. Andere Trainer und Autoren verstehen unter Schlagfertigkeit in erster Linie die Fähigkeit, Menschen fertig zu machen. Die beschäftigen sich hauptsächlich mit sehr unverschämten, unhöflichen teilweise sogar geschmacklosen und ordinären Äußerungen, die unter die Gürtellinie gehen. Im Internet findet man ja auch viele Schlagfertigkeitsseiten mit sehr beleidigenden Angriffen und entsprechend frechen Abwehrsprüchen. Wie stehen Sie zu sehr aggressiver Schlagfertigkeit?

Christoph Dahms: Ich sehe Schlagfertigkeit praxisorientierter. Für die wenigsten Menschen gehört es zum Alltag, mit Schimpfwörtern oder massiven Beleidigungen umgehen zu müssen. Den meisten Menschen geht es um den alltäglichen Kampf mit Kollegen, Vorgesetzten, Kunden oder auch im privaten Umfeld. Hier wollen meine Teilnehmer und Leser punkten.
Ausnahmen gibt es natürlich in einigen Bereichen. Es gibt Felder, in denen Angriffe unter der Gürtellinie zur Kommunikationskultur gehören. Dazu zählen beispielsweise manche Auseinandersetzungen mit Pubertierenden, die Eltern oder Lehrer zu bestehen haben. Hier ist Frechheit schon mal an der Tagesordnung. Oder denken Sie an bestimmte Berufsbereiche. Viele wissen, dass beispielsweise auf dem Bau ein rauerer Ton herrscht. Manche Verkäufer arbeiten auch in sehr aggressiven Umfeldern. Viele Einkäufer glauben durch massive verbale Attacken in Richtung Verkäufer, ihrer Aufgabe besser gerecht zu werden.
Von daher gehört es zur Schlagfertigkeit dazu, sehr aggressive Angriffe abwehren zu können. In meinen Trainingskonzepten ist die Behandlung solcher massiver Angriffe ein wichtiger Inhalt. Die Teilnehmer lernen zunächst einige Techniken. Diese werden dann auf verschiedene Weisen geübt. Eine anspruchsvolle Übung ist die „heißer Stuhl“-Übung. Diese habe ich von Anfang an in das Training aufgenommen. Dabei werden die Teilnehmer schnell mit zahlreichen Angriffen konfrontiert. So lernen die Menschen, dass auch harte Angriffe souverän abgewehrt werden können. Das macht für die Alltagssituationen unglaublich sicher und selbstbewusst. Es ist Krafttraining auf hohem Niveau und für diejenigen, die in ihrer Praxis aggressive Angriffe abwehren müssen, ein wichtiger Trainingsteil der Schlagfertigkeit. Diese Übungen sind auch immer sehr lustig. Die Menschen können die Techniken dann sicher auch gegen härteste Angriffe einsetzen.

Ihnen reicht das aber nicht aus. Sie weisen in Ihren Veröffentlichungen und auf Ihren Internetseiten darauf hin, dass Schlagfertigkeit mehr ist als aggressives Sprüche klopfen. Beispielsweise gehen Sie auch auf Deeskalationsmethoden ausführlich ein.

Christoph Dahms: Richtig. Denken Sie nur an Mitarbeiter in öffentlichen Verwaltungen, die beispielsweise für die Bewilligung von Sozialleistungen verantwortlich sind. Was die sich manchmal an Unverschämtheiten anhören müssen, das ist unglaublich. Doch dem Bürger mit gleicher Münze zurück zu geben, bringt nichts. Deshalb sind freche Sprüche häufig einfach zu wenig. Die Kunst besteht darin, sich angemessen ausdrücken zu können. Darin liegt auch die Herausforderung. Andere verbal fertig zu machen, ist innerhalb weniger Stunden lernbar. Dazu ist keine Beschäftigung mit Schlagfertigkeitsliteratur oder der Besuch von ganztägigen Seminaren erforderlich. In der Regel reicht es aus, einige Benimmregeln und Hemmungen über Bord zu werfen. Wenn wir hier zwei Stunden Zeit hätten, könnte ich das mal eben erklären. Allerdings nützt es im Alltag wenig. Beispielsweise wird der Maurerpolier, der mit seinem Baustellen-Befehlston die Kritik seiner Freundin abwehrt, schnell alleine sein. Der Einkäufer, der über unfaire beleidigende Methoden versucht, sich bei seinen Freunden Gehör zu verschaffen, wird bald abgelehnt werden. Oder eine Radiosendung wird zügig abgesetzt, wenn die Moderatorin anfängt, ihre Gäste zu beschimpfen.
Die Teilnehmer an meinen Seminaren wünschen Antworten für die Szenen, die sie im Alltag sprachlos machen. Sie wollen sich erfolgreich durchsetzen, stark auftreten und eigene Ziele auch gegen Widerstand erreichen. Und das mit einer geschickten und vielleicht witzigen Sprache. Sie wollen eben echte Schlagfertigkeit.


 

5. Sagen Sie uns das vielleicht noch etwas genauer. Was wollen die Menschen lernen, wenn sie Ihre Schlagfertigkeitsseminare besuchen? Wo liegen die Motive, sich in der heutigen Zeit intensiv mit Schlagfertigkeit zu beschäftigen?

Christoph Dahms: Das ist nicht in einem Satz zu beantworten. Manche fühlen sich anderen sprachlich unterlegen. Wenn diese Menschen beispielsweise in Besprechungen Vorschläge machen, werden sie fast nie angenommen, obwohl sie inhaltlich in Ordnung sind. Andere glauben von ihrer Umwelt manipuliert zu werden und suchen hierzu Abwehrmöglichkeiten. Manche sind schnell wütend und aufbrausend und suchen geschicktere Durchsetzungsmethoden. Viele finden zwar gute Antworten, aber leider erst 10 Minuten danach. Häufig wollen Menschen für ganz konkrete Auseinandersetzungen mit schwierigen Klienten, Kindern, Lehrern, Kunden, Partnern, Kollegen oder Vorgesetzten schlagfertige Formulierungen haben. Manche ecken auch mit ihrer aggressiven Art an und möchten deeskalierende Mittel. Wieder andere müssen sich beruflich oder privat gegenüber rhetorisch geschickten Verhandlungspartnern durchsetzen und möchten ebenbürtig werden. Für manche angehende Führungskraft gehört es zur vollständigen Ausbildung in Kommunikation, auch die Methoden der Schlagfertigkeit zu beherrschen.
Für dieses breite Interessenspektrum bietet das Dahms-Trainingskonzept individuelle schlagfertige Lösungen. Jeder entwickelt sich seinen Zielen entsprechend weiter.


 

6. Ist schlagfertiges Auftreten immer sinnvoll? Manche Menschen sagen ja, dass man dem Chef gegenüber doch nicht schlagfertig sein kann.

Christoph Dahms: Dieses Vorurteil ist Ausdruck einer falschen Sicht von Schlagfertigkeit. Schlagfertigkeit ist Eigenschaft einer sicheren, selbstbewussten Persönlichkeit. Immer dann, wenn souveränes Sprachhandeln sinnvoll ist, wird Schlagfertigkeit nützlich sein. Auch gegenüber Menschen, die beispielsweise in der Unternehmenshierarchie über einem stehen, ist ein angemessen schlagfertiges Auftreten sinnvoll. Natürlich wird man hier anders agieren als beispielsweise gegenüber ein paar unverschämten Jugendlichen im öffentlichen Verkehrsmittel.
Außerdem ist es ja so, dass die Fertigkeit zu schlagen nicht immer eingesetzt werden muss. Ein Boxer boxt sich ja auch nicht durch die Fußgängerzone. Doch wenn er in den Ring steigt, beherrscht er seine Techniken und wird sich erfolgreich schlagen, wenn er gut ist.


 

7. Sie sagen also, dass diejenigen, die Schlagfertigkeit als Methode verstehen, um andere Menschen fertig zu machen, zu einseitig orientiert sind. Das leuchtet ein. Ihrer Erfahrung nach ist es besser, etwas für die Praxis zu lernen. Wie bestimmen Sie denn Schlagfertigkeit von ihrem Inhalt her?

Christoph Dahms: Meine Sicht ist diejenige, die auch in der Alltagskommunikation dominiert. Schlagfertigkeit ist die Kunst, jederzeit die angemessenen Worte zu finden, und die Kunst, durch überraschende Formulierungen zu beeindrucken. Es geht also eher um sprachliches Jiu-Jitsu als um Verbal-Karate.
Von der entschuldigenden Reaktion, über sachlich argumentative Formulierungen bis hin zur verbalen Ohrfeige reicht das Spektrum der Schlagfertigkeit. Viele haben schon mal die entwaffnende Wirkung des entschuldigenden Zugebens eines Fehlers erlebt. Andere haben sehr erfolgreich auf unfaire Vorwürfe in Verhandlungen betont sachlich reagiert. Und schließlich gibt es zahlreiche Beispiele dafür, dass die unerwartet aggressive Antwort andere sprachlos gemacht hat.
Schlagfertige Reaktionen sind angemessen, erfolgreich und häufig überraschend. Schlagfertige Menschen sind sicher, souverän und durchsetzungsstark.


 

8. Viele Menschen sagen, dass Schlagfertigkeit angeboren ist. Der eine hat’s der andere nicht. Ist Schlagfertigkeit wirklich lernbar?

Christoph Dahms: Ausdrücklich Ja! Schlagfertigkeit ist ein Teil der Kommunikationsfähigkeit eines Menschen. Da Kommunikationsfähigkeiten in weiten Teilen erst nach der Geburt entwickelt werden, sind sie nicht angeboren. Wie alle kommunikativen Fähigkeiten, so ist auch Schlagfertigkeit lernbar. Die Menschen starten ihr Schlagfertigkeitstraining nur häufig von unterschiedlichen Positionen aus. Wer sich schon von klein auf in seiner Ursprungsfamilie verbal wehren musste und sich vielleicht gegenüber älteren Geschwistern behauptet hat, wird mit einem anderen Erfahrungsschatz beginnen als jemand, dem seine Umwelt jeden Wunsch von den Augen abgelesen hat. Insofern kann man sagen, dass manche Menschen „von Natur aus“ schlagfertiger sind.
Das ist bei der Schlagfertigkeit so wie bei vielen anderen Fähigkeiten auch. Denken Sie beispielsweise an zwei 50jährige, die im nächsten Jahr einen Marathon-Lauf bestreiten möchten. Wenn der eine seit seinem 20sten Lebensjahr regelmäßig läuft und der andere erst vor drei Monaten begonnen hat, sich für Laufen zu interessieren, wird der eine auch stärker wirken als der andere. Doch niemand käme auf die Idee, dass die läuferischen Fähigkeiten auf diesem Niveau angeboren sind. Die beiden Läufer werden nur ihr Training unterschiedlich starten, um zum Ziel zu kommen. So ist es mit der Schlagfertigkeit auch. Jeder hat da seine Bereiche, an denen er arbeiten kann. Die Menschen werden in der Regel sehr schnell besser. Es ist kein jahrelanges Training erforderlich, weil viele Kompetenzen intuitiv schon vorhanden sind. Im Training werden diese bewusst gemacht, um sie dann auch in stressreichen Angriffssituationen sicher einsetzen zu können.


 

9. Ist Schlagfertigkeit immer witzig?

Christoph Dahms: Wenn Sie unter witzig verstehen, dass überraschende Formulierungen verwendet werden, über die andere lachen können, so stimmt das meistens. Die Eigenschaft einer Formulierung witzig zu sein, hängt auch immer vom Zuhörer ab. Jeder kennt das, der schon mal eine lustige Geschichte oder einen Witz erzählt. Im einen Umfeld biegen sich die Menschen vor Lachen, während man bei anderen Menschen nur verständnisloses Kopfschütteln erntet.
In der Schlagfertigkeit ist es vielfach so, dass demjenigen, der auf seinen Angriff hin eine passende Reaktion erhält, häufig nicht zum Lachen zumute ist. Die umstehenden Menschen, die den Wortwechsel mit anhören, finden es hingegen äußerst witzig. Das ist ja auch gerade der Zweck mancher schlagfertiger Reaktion. Indem andere merken wie schlagfertig jemand ist, wird das häufig weitere Angriffe verhindern. Angegriffen werden meistens die Schwachen, die sich nicht wehren können. Insofern hat schlagfertiges Auftreten auch häufig vorbeugende Wirkung.


 

10. Dann dient Schlagfertigkeit ja doch auch bei Ihnen manchmal dazu, andere mundtot zu machen?

Christoph Dahms: Da haben Sie recht. Manchmal ist es notwendig, anderen über den Mund zu fahren und aggressiv zurück zu schlagen. Es gibt Zeitgenossen, die das brauchen. Vielfach spielt Schlagfertigkeit ja auch in längerfristigen Beziehungen. Insofern empfehle ich für viele Situationen, zunächst mit sachlichem Gegenhalten zu beginnen und nur dann, wenn dieses Vorgehen keinen Erfolg hat, zu härteren Mitteln zu greifen. Die Teilnehmer sind damit äußerst erfolgreich und schießen nicht über das Ziel hinaus.

Können sie uns dazu ein Beispiel geben?

Christoph Dahms: Vor einiger Zeit hatte ich eine junge Frau im Coaching, die mit Ihrem cholerischen Chef nicht zu Recht kam. Wir haben dann verschiedene bewährte Deeskalationsmethoden ausprobiert, die hier aber versagten. Irgendwann haben Menschen dann nicht mehr viele Möglichkeiten. Hier gab es nur noch die Wahl zwischen Kündigen oder ungewöhnlichen Mitteln. Meine Klientin versuchte es dann auf meine Empfehlung hin mal mit Aggression. Als der Chef beim nächsten Mal wieder ausrastete, nahm sie alle Kraft zusammen und gab ihm richtig Kontra. Wir hatten vorher Argumentationstechniken trainiert. Dennoch ist das aggressive Auftreten für jemanden, der nicht der Typ für laute Töne ist, schwierig. Jedenfalls ist sie so laut und deutlich geworden, wie es eben ging und hat ihre Position vertreten. Der Chef war so überrascht, dass er zunächst nur noch schweigend da stand. Das Ergebnis war, dass sich die Beziehung zum Chef schlagartig verbesserte und er ihr gegenüber den cholerischen Ton deutlich seltener einsetzte. Wir hatten hier also einen Chef, der einen aggressiveren Sprachstil brauchte. Er benötigte eine ebenbürtige Gegenspielerin, die er ernst nehmen konnte.
Es hätte natürlich auch zur Entlassung der Mitarbeiterin kommen können.


 

11. Durch Ihre Schlagfertigkeitsseminare und Bücher steigern Sie die sprachliche Durchsetzungskraft Ihrer Teilnehmer und Leser. Was sagen Sie zu dem Vorwurf, dass Ihr Training die Manipulation fördert?

Christoph Dahms: Das Gegenteil ist richtig. Erstens vermittele ich keine Manipulationstechniken, sondern zeige nur funktionierende Schlagfertigkeitswerkzeuge auf, die allerdings auch zur Manipulation eingesetzt werden können. Alle funktionierende Kommunikationstechnik kann missbraucht werden. Beispielsweise Gesprächstherapeuten, Mediatoren, Pfarrer, Verkäufer, Lehrer, Schlichter, Seelsorger, Redner oder Erzieher verfügen, wenn sie gut sind, über erfolgreiche Methoden, um Menschen zu beeinflussen. Alle diese Mittel können zur Manipulation, also zur Beeinflussung von Menschen zu ihrem Nachteil, genutzt werden. Ich weise die Menschen in den Seminaren und in meinen Veröffentlichungen immer darauf hin, dass Manipulation zumindest mittelfristig vor allem auch den Manipulierenden schädigt. Deshalb müssen die Menschen den Einsatz ihrer Schlagfertigkeit immer abwägen und letztlich selbst verantworten.
Zweitens lernen Menschen bei mir nicht nur den Einsatz der Schlagfertigkeitstechniken sondern auch ihre Abwehr. Damit können sie Manipulationen anderer leichter durchschauen und sicher abwehren. Jede Schlagfertigkeitstechnik kann abgewehrt werden. Es gibt keinen kommunikativen Trick oder eine rhetorische Technik, die nicht durchschaut und pariert werden könnte. Die Kunst besteht darin, zu wissen wie.
Für diejenigen, die sich Manipulationsversuchen anderer ausgeliefert vorkommen, bieten wir auch spezielle Trainings an, um sich zu schützen. Da die Methoden derjenigen, die manipulieren, immer ausgereifter werden, haben viel Menschen den Wunsch, sich professionell mit der Abwehr von Manipulation auseinander zu setzen. Wir haben da entsprechende Angebote.


 

12. Herr Dahms, Sie haben in Ihren Veröffentlichungen zahlreiche Kommunikationstechniken aufgeführt, die zur Abwehr von Angriffen und Einwänden eingesetzt werden. Bei meiner Recherche habe ich festgestellt, dass es in Literatur und Internet zahlreiche Bezeichnungen für sehr ähnliche Methoden gibt. Als ich Ihr Buch gelesen habe, fand ich die Techniken sehr leicht verständlich. Ich denke, einige ihrer Techniken sind den Menschen schon mal begegnet. Beispielsweise zeigen Sie, dass mit Fragen, Angriffe souverän abgewehrt werden können. Wie haben Sie Ihre Schlagfertigkeitstechniken gefunden?

Christoph Dahms: Die Methoden stammen aus der Analyse zahlreicher erfolgreicher Kommunikationssituationen. Sie wurden also nicht erfunden sondern gefunden. Deshalb wirkt ihre Anwendung auch nicht künstlich und andressiert, sondern ganz natürlich. Vielfach ist es für Angreifer gar nicht verständlich, warum sie in der Auseinandersetzung verloren haben. Sie spüren nur, dass andere ihnen kommunikativ überlegen waren.
Ich unterscheide ca. 20 Techniken der Schlagfertigkeit, die noch eine Reihe von Variationen umfassen. Darin sind die Ideen zur Abwehr von Angriffen vollständig erfasst. Ich habe eine möglichst verständliche, einfache Bezeichnungsweise gewählt, die sich sehr gut bewährt hat. Mir geht es nicht darum, durch komplizierte Formulierungen zu beeindrucken, sondern hervorragende Inhalte zu vermitteln.
Meine Systematik hat folgende drei Vorteile.
Erstens lassen sich die Techniken sauber unterscheiden, was von einer Systematisierung ja auch erwartet werden muss.
Zweitens orientiert sich meine Terminologie an derjenigen, die auch in den Themenfeldern Rhetorik und Verhandlungsführung vorhanden ist. Insofern müssen Menschen, die sich auf das Dahms-Schlagfertigkeitskonzept einlassen und schon Erfahrungen mit Kommunikationstraining haben, keine vollkommen neue Begriffsbestimmung lernen. Diejenigen, die sich bisher noch nicht mit Kommunikationstechniken auseinandergesetzt haben, finden hier eine Begrifflichkeit, die sie woanders auch nutzen können.
Drittens sind die Methoden so leichter lernbar. Schlagfertigkeit ist schon herausfordernd genug, ohne das durch schwierige oder unscharfe Begriffe das Lernen erschwert werden sollte. Ich knüpfe an den Vorkenntnissen der Menschen an, die sie vielleicht in Schule und Studium oder sonst in ihrem Leben erworben haben.
Wer sich mit mir gemeinsam einen Tag lang in einem Schlagfertigkeitsseminar zusammen setzt, kann schon wichtige Erkenntnisse mitnehmen und schnelle Umsetzungen in seiner Praxis erreichen. Das macht mein Training so praxisnah und erfolgreich.


 

13. Lassen Sie uns hier bei den Techniken etwas konkreter werden. Welches sind die wichtigsten Techniken der Schlagfertigkeit?

Christoph Dahms: Ich möchte hier vielleicht ein paar Tricks nennen, die schnell eingesetzt werden können und wenig Erklärung erfordern. Lassen Sie mich vier kleine Methoden vorstellen. Zu den einfachen Schlagfertigkeitstechniken, für die man kein größeres Training braucht, gehören beispielsweise die bereits erwähnten Fragen. Wenn Sie von Ihrem Chefredakteur angegriffen würden mit: „Ihre Reportage ist nicht attraktiv.“ Dann könnten Sie dem mit verschiedenen Fragen begegnen. Beispielsweise könnten Sie sanft zurückfragen: „Welche Themen wären für Sie reizvoll?“ Sie würden damit sachlich bleiben und vielleicht Hinweise auf andere Inhalte gewinnen. Außerdem würden Sie die Chef-Mitarbeiterinnen-Rollen wahren. Mit Fragen ginge es allerdings auch aggressiver. Eine andere Reaktion auf: „Ihre Reportage ist nicht attraktiv.“, wäre: „Warum denken Sie denn, habe ich so viele Leser?“, oder noch aggressiver: „Wie können Sie das denn vom grünen Tisch aus beurteilen?“ Sie sehen hier gibt es bei einer Technik wieder zahllose Varianten mit unterschiedlichem Aggressionsniveau. Die Aufgabe ist es nun, die passende, das heißt den eigenen Zielen dienliche Formulierung zu wählen.
Eine Methode, die Politikern nachgesagt wird, ist die Scheinantwort. Dabei wird auf eine unangenehme Frage ausweichend reagiert. Wenn Sie beispielsweise von einem neidischen Kollegen aus der Sportredaktion auf dem Flur angegriffen würden mit: „Na, durch welche Beziehungen hast Du denn jetzt die …-Position bekommen?“, könnten Sie reagieren mit: „Gute Kontakte spielen in unserem Geschäft eine entscheidende Rolle. Beispielsweise auch, wenn es darum geht, Interviewpartner zu finden. Gerade von Sportredakteuren ist ja bekannt, dass sie sich zu Trainern und Spielern hingezogen fühlen. Letztens habe ich von einem gehört, der ging sogar mit einem großen Blumenstrauß auf die private Geburtstagsparty von …“ Solche Reaktion würde vom Thema wegführen und eine Beantwortung der ursprünglichen Frage erübrigen.
Die Umdefinition ist eine sehr berühmte und häufig witzige Schlagfertigkeitstechnik, bei der Sie dem andern das Wort im Mund herumdrehen. Diese Methode ist allerdings nicht ganz so einfach. Sie greifen den Vorwurf auf und suchen sich einen positiven Teil. Wenn Sie einen Themenvorschlag ablehnen und der andere dann sagt: „Du Feigling.“, dann könnten Sie reagieren mit: „Wenn Du darunter jemanden verstehst, der vorsichtig mit unseren Lesern umgeht und sie vor Deinem uninteressanten Kram schützt, dann hast Du Recht.“ So machen Sie aus dem Feigling den Anwalt der Leser. Das geht auch mit sehr massiven Angriffen. Wenn Sie angegriffen werden mit: „Sie lügen.“, können Sie reagieren mit: „Wenn Sie unter lügen verstehen, dass Sie die Wahrheit nicht ertragen können, dann tun Sie mir leid.“
Und als letze Technik lassen Sie mich noch die Methode „Begründen plus Ablehnen“ empfehlen. Hierbei lehnen Sie jede weitere Kommunikation ab. Beispielsweise könnten Sie auf den Angriff eines Interviewgastes: „Ihre Fragen sind uninteressant.“, reagieren mit: „Weil Sie meinen Fragestil nicht beurteilen können, sage ich dazu nichts.“ Sie wenden also das Neinsagen an. Schopenhauer hat einmal sinngemäß gesagt: „Manchen Menschen kann man seine Intelligenz nur dadurch beweisen, dass man nicht mit ihnen redet.“ Gerade das Neinsagen ist für viele meiner Seminarteilnehmer eine besonders wichtige Technik, weil sie sich mehr Abgrenzung wünschen.


 

14. Die Erfahrung habe ich auch schon gemacht. Es ist manchmal überhaupt nicht so einfach, ein klares Nein zu sagen. Wie lange braucht man denn, um die Techniken der Schlagfertigkeit zu beherrschen?

Christoph Dahms: Das ist unterschiedlich. Manche Schlagfertigkeitstechniken, die ich in den Seminaren vorstelle, hören sich die Teilnehmer an und können sie sofort ohne weiteres Training souverän einsetzen. Andere Methoden erfordern etwas Übung. Da alle Methoden aber aus der Praxis kommen, ist die Umsetzung leicht. Wenn Menschen nach dem Seminarbesuch in ihren Alltagssituationen etwas bewusster die Techniken nutzen und die empfohlenen Praxistrainings durchführen, ist in zwei bis drei Wochen schon viel Schlagfertigkeit gewonnen.


 

15. So, wie Sie das ja aus zahlreichen anderen Interviews kennen, lassen Sie mich nun einige Angriffe formulieren und Ihre Reaktionen erfahren. Die Leser sind neugierig, wie denn praktische Schlagfertigkeit beim Experten klingt.

Christoph Dahms: Gerne kann ich mal ein paar Techniken demonstrieren. Die Leser sollten dabei allerdings berücksichtigen, dass die Reaktionen natürlich immer von der vorgestellten Szene, den sozialen Rollen und individuellen Zielsetzungen abhängig sind. Wenn also jemandem mit einem der Angriffe konfrontiert wird, die wir jetzt besprechen, heißt das noch lange nicht, dass meine Reaktionen für ihn geeignet sein müssen. Jede Situation ist anders.
Das ist ein wichtiger Hinweis. Ich werde versuchen die Situationen etwas zu erklären.
Nehmen wir mal an, dass jemand zu Ihnen sagt: „Sie sind überhaupt nicht schlagfertig.“ Wie würden Sie reagieren?
Christoph Dahms: „Um mich mit Ihnen zu messen, reicht es allemal.“, oder etwas sanfter: „Wenn Sie unter ‚nicht schlagfertig‘ verstehen, dass ich vorsichtig mit Ihnen umgehe, dann haben Sie Recht.“
Gut. Frau in der Disko zu einem Mann: „Ihre Anmache langweilt mich.“
Christoph Dahms: „Schön, dann lass uns was anderes machen. Wohin sollen wir gehen?“, oder etwas einfühlsamer mit freundlichem Lächeln: „Warum so unhöflich? Hast Du einen schlechten Tag gehabt?“, oder etwas aggressiver: „Du überschätzt Dich. Wenn ich jemanden anmachen will, klingt das anders. Mir Dir möchte ich mich höchstens kurz unterhalten.“ Natürlich wird dann das Gespräch beendet sein. Andererseits klang ihre Abfuhr auch nicht sehr viel versprechend. Schlagfertigkeit hat hier also nur vollziehenden Charakter. Besser, sich um eine andere Frau zu bemühen.
Kollege zu Kollegin: „Schätzchen, jetzt bleib mal ruhig.“
Christoph Dahms: „Jungchen, das könnte Dir so gefallen. Im Gegensatz zu Dir, ist mir die Sache hier wichtig.“, oder noch etwas stärker: „Weiß Deine Frau eigentlich, dass Du ‚Schätzchen‘ hier im Büro hast?“
Die letzte Variante gefällt mir besonders gut. Allerdings ist das ja sehr aggressiv!
Christoph Dahms: Bei einer solchen Grenzüberschreitung ist meistens eine klare Botschaft genau das Richtige. Der Angriff war ja auch nicht von schlechten Eltern. Eine sachlichere Reaktion wäre: „Auf diesem Niveau unterhalte ich mich nicht mit Ihnen.“, oder als Frage: „Weshalb fühlst Du Dich angegriffen?“, oder „Warum bleibst Du nicht sachlich? Gehen Dir die Argumente aus?“
Einwand während eines Fachvortrags: „Ihr Vortrag hat gar keine Struktur.“
Christoph Dahms: „Wenn Sie darunter verstehen, dass Sie die Gliederung nicht nachvollziehen können, wundert mich das nicht.“, auch hier gibt es natürlich härtere oder weichere Varianten. Eine konstruktivere wäre: „Was genau ist Ihnen unklar?“
Mitarbeiter zum Chef: „Ihre Beurteilung ist ungerecht.“
Christoph Dahms: „Was genau ist daran ungerecht?“, würde versuchen die Sachlage zu klären und gleichzeitig etwas Zeit verschaffen. Wenn der Chef das nicht möchte, könnte er auch sagen: „Die Beurteilung ist gemäß des auch vom Personalrat festgelegten Leitfadens erfolgt. Deshalb werde ich das nicht weiter diskutieren.“
In einer Besprechung: „Das ist unlogisch.“
Christoph Dahms: „Welche Logik meinen Sie, die klassische oder Ihre selbst gebastelte?“
Das wäre gegenüber seinem Chef nicht besonders klug. Oder?
Christoph Dahms: Auch hier geht es natürlich etwas sanfter: „Fakt ist, dass ich hier einen durchdachten Vorschlag unterbreitet habe. Der Vorteil liegt darin, dass wir so unseren Umsatz deutlich steigern können. Beispielsweise ist damit das Produkt A deutlich besser zu vermarkten. Deshalb ist das Marketingkonzept so schon ganz gut ausgereift. Was sollen wir denn noch verändern?“ Das wäre mal eine Argumentation, um wieder mehr auf die Sachebene zu kommen.
Pubertierende zur Mutter: „Mama sei lieb zu Deiner Tochter. Du weißt doch, dass ich später das Altenheim für Dich aussuche.“
Christoph Dahms: „Deine Unverschämtheit ist nur noch von Deiner kindlichen Ahnungslosigkeit zu überbieten.“ Davon abhängig, wie die Mutter hier betont und ihre Mimik einsetzt, wird das die Szene allerdings eher verschärfen. Konstruktiver wären hier vielleicht ein Überhören des Angriffs und der Versuch, weiter auf der Sachebene zu diskutieren.
In einem Gespräch am Arbeitsplatz: „Sie orakeln doch nur herum.“
Christoph Dahms: „Besser mal in die Kristallkugel schauen, als in Ihr Gesicht“, das ist allerdings eine sehr freche Reaktion. Vielleicht könnte man hier auch sagen: „Die Zukunft ist für uns alle unklar. Deshalb muss ich mich hier auf meine Erfahrungen verlassen.“ Das wäre eine sachlichere Reaktion, die eine weitere Eskalation vermeiden könnte.
Chef zum Abteilungsleiter: „Ihr Projekt ist nicht durchführbar. Uns fehlen dazu die Fachkräfte.“
Christoph Dahms: „Gerade deswegen müssen wir die Verteilung der Arbeit neu regeln. Ich schlage vor ….“ Dann könnte eine überzeugende Lösung vorgetragen werden.
Er zu Ihr: „Dein Essen schmeckt nicht.“
Christoph Dahms: „Gut. Dann nimmst Du wenigstens nicht noch weiter zu.“
Sehr gut. Das soll mal reichen. Wie lange braucht man denn, um so souverän schlagfertig reagieren zu können?
Christoph Dahms: Das geht recht schnell. Es steckt auch keine besondere Begabung dahinter. Die Einsicht in die Verfahren der Schlagfertigkeit und etwas Übung reichen dazu vollkommen aus.
Gibt es denn überhaupt Angriffe, die Sie noch sprachlos machen können? Fehlen Ihnen denn auch manchmal die Worte?
Christoph Dahms: Es wird mit Sicherheit auch Angriffe geben, auf die ich mehr als ein bis drei Sekunden eine Antwort suchen muss. Wenn jemand mit seiner Verbalattacke tatsächliche Betroffenheit bei mir auslösen würde, könnte das passieren. Alles andere wäre ja auch radikal unmenschlich. Ich bin ja kein Schlagfertigkeitsroboter.


 

16. Gerade der Umgang mit unfairen, persönlichen Angriffen scheint mir auch ein Problem bei der Schlagfertigkeit zu sein. Es ist einfach schlagfertig zu sein, wenn der Angriff nicht wirklich trifft. Wenn man persönlich angegriffen wird, ist es sehr schwer, schlagfertig zu kontern. Gehen Sie in Ihren Seminaren auch auf diese Problematik ein?

Christoph Dahms: Das erleben viele Menschen so. Gerade die persönlichen unerwarteten Angriffe sind eine besondere Herausforderung. Die Frage nach dem Umgang mit persönlicher Betroffenheit, wird mir in den Seminaren häufiger gestellt. Manche Teilnehmer haben die Schwierigkeit, sich zu schnell betreffen zu lassen. Und wenn Menschen sich betroffen fühlen, wird der souveräne Einsatz von Schlagfertigkeitstechniken schwierig. Das Ziel ist es also, dass die Menschen persönliche Betroffenheit in den Angriffssituationen ihres Alltags überwinden. Auch hier setzt Schlagfertigkeitsbildung an. Zu wissen, wo die eigenen wunden Punkte sind, ist hier häufig nützlich. Selbstbewusstsein, das heißt sich seiner selbst bewusst sein, schließt auch ein, seine persönlichen Angriffsflächen zu kennen. Es gibt Einstellungen und Denkweisen, die es möglich machen, weniger schnell betroffen zu sein. Das ist lernbar.
Dazu kommt noch, dass anerzogene Muster, die von Angreifern häufig ausgenutzt werden, durchbrochen werden sollten. Das wird auch in meinem Schlagfertigkeitskonzept thematisiert.


 

17. Herr Dahms, wir haben jetzt darüber gesprochen wie Sie zum Thema „Schlagfertigkeit“ gekommen sind, wie Schlagfertigkeit sinnvollerweise verstanden wird und einige Techniken in der praktischen Anwendung gehört. Nun ist die Frage, wie Menschen das lernen können. Sie werden jetzt sagen, dass die Menschen Ihre Bücher lesen und Ihre Seminare besuchen sollen. Meine Frage zielt eher auf folgendes ab: Wie machen Sie Menschen in Ihren Seminaren schlagfertiger?

Christoph Dahms: Hierzu setze ich folgende fünf Hebel an.
Erstens lernen die Menschen mit dem Dahms-Trainingskonzept die ganze Palette der ca. 20 Schlagfertigkeitstechniken kennen. Diese werden dann mit bewährten Verfahren trainiert, die auch nach dem Seminar weiter angewendet werden können. Das sichert die schnelle und einfache Umsetzung in die eigene Praxis.
Zweitens kommt dazu eine Erweiterung des aktiven Wortschatzes, damit spontan und treffend formuliert werden kann. Nicht für alle, aber für viele Techniken benötigt man einen großen Wortschatz. Auch die wichtigen Feinheiten in den Formulierungen können nur mit einem großen aktiven Wortschatz realisiert werden. Das war ja auch eben in dem Spiel zu sehen, in dem Sie mir einige Angriffe gegeben haben. Mark Twain soll einmal gesagt haben: „Der Unterschied zwischen dem fast richtigen Wort und dem richtigen ist wie der Unterschied zwischen einem Glühwürmchen und einem Blitz.“ Manchmal hängt es tatsächlich an einzelnen Wörtern, ob eine Angriffsabwehr schlapp oder schlagfertig wirkt.
Drittens werden die Menschen mutiger, das zu sagen, was in Ihrer beruflichen und privaten Situation wichtig ist. Dazu behandeln wir das Thema Betroffenheit und setzen uns mit Ängsten auseinander.
Viertens werden eigene Einstellungen, Überzeugungen und Prägungen auf ihre Nützlichkeit in Angriffssituationen hin überprüft und gegebenenfalls verändert.
Fünftens wird auch noch auf die Wirkungsmittel eingegangen. Eine sprachlich noch so tolle Reaktion wird nicht schlagfertig wirken, wenn sie mit hilflosen Gesten, unsicherem Lächeln, fehlendem Blickkontakt und leiser unsicherer Stimme vorgetragen wird.
Neben diesen ganz zentralen Elementen der Schlagfertigkeitsbildung gehören auch noch der Umgang mit Störern in Redesituationen, die Vermeidung von Betroffenheit und die Abwehr der ca. 30 Methoden unfairer Dialektik zum Schlagfertigkeitskonzept dazu. Darauf können wir hier aber nicht mehr im Einzelnen eingehen.


 

18. Können denn alle Menschen die gleichen Techniken einsetzen? Jeder ist doch anders.

Christoph Dahms: Ich vergleiche die Werkzeuge der Schlagfertigkeit gerne mit den Werkzeugen eines Steinmetzes. Der Beruf des Steinmetzes ist ja ein Ausbildungsberuf, den man in zwei bis drei Jahren lernen kann. Wenn Sie jedem Lehrling in einer Steinbildhauerklasse, sagen wir mal im dritten Lehrjahr, ein Marmorblöckchen von 30 mal 30 mal 30 Zentimeter Kantenlänge geben, und dann die Aufgabe stellen, daraus einen Menschen zu schlagen, so wird bei jedem doch etwas anderes herauskommen. Und das obwohl alle das gleiche Material verwenden, die gleichen Hämmer und Meißel nutzen und bisher die gleichen handwerklichen Grundsätze gelernt haben. So ist es mit der Schlagfertigkeit auch. Schlagfertigkeit ist und bleibt Ausdruck der Persönlichkeit. So verschieden die Menschen sind, so verschieden werden sie auch die Werkzeuge der Schlagfertigkeit einsetzen. Deshalb nützt es auch nichts, tolle Sprüche auswendig zu lernen. Die Techniken müssen beherrscht werden. Sprichwörter, vorgegebene Vergleiche und Sprüche wirken häufig andressiert und auswendig gelernt, auch wenn sie beim ursprünglichen Sender mal stimmig und sehr schlagfertig waren.


 

19. Das ist verständlich. Sie haben ja inzwischen Tausende Menschen mit Ihrem Schlagfertigkeitskonzept vertraut gemacht. Was passiert denn, wenn in einem Gespräch beide Gesprächspartner Ihre Schlagfertigkeitstechniken kennen? Gibt es denn dann nicht ein einziges Hauen und Stechen?

Christoph Dahms: Nach meiner Erfahrung ist es so, dass in dem Moment, wenn beide sehr schlagfertig sind, die Sache selbst wieder an Bedeutung gewinnt. Dann siegt nicht mehr derjenige, mit den besseren rhetorischen Tricks, sondern derjenige, der die besseren Argumente hat. Das ist auch einer der Gründe, weshalb in vielen Organisationen ganze Entscheidergruppen gemeinsam die Seminare besuchen. So verfügen dann alle über die gleichen Werkzeuge und keiner kann sich allein aufgrund besserer Kommunikationstechnik durchsetzten. Die Ergebnisse in der Sache sind so einfach besser.
Auch für das private Umfeld ist es nützlich, wenn nicht nur einer der Partner seine Schlagfertigkeit entwickelt.


 

20. Herr Dahms, Schlagfertigkeit ist ein komplexes Thema mit zahlreichen interessanten Aspekten. Wir konnten hier nur Teile streifen. Darf ich Sie dennoch darum bitten, uns einen Tipp für gelungene Schlagfertigkeit zu geben?

Christoph Dahms: Den Tipp, sich mit den Methoden der Schlagfertigkeit vertraut zu machen habe ich ja schon gegeben. Wahre Schlagfertigkeit entsteht aus dem Zusammenspiel vieler Faktoren. Neben persönlichen Einsichten und Schlagfertigkeitskompetenzen spielen auch sie sozialen Umfelder eine wichtige Rolle. Entscheidend für angemessen schlagfertiges Auftreten ist, dass die Szenen richtig verstanden werden. Nur dann, wenn wir erkennen wie eine Situation ist, können wir uns auch bewusst für bestimmte schlagfertige Handlungen entscheiden, die uns weiter bringen. Es geht darum, ein Gefühl für die eigenen kommunikativen Spielräume zu entwickeln. Viele Menschen vergeben gute Chancen, weil sie nicht mutig die eigenen Möglichkeiten nutzen. Es wird schon viel erreicht sein, wenn in schwierigen Situationen, in denen Angriffe oder unfaire Dialektik auftreten, das Verstehen der Szene gegeben ist. Häufig ergeben sich daraus schon Ideen für gute schlagfertige Abwehrstrategien. Mein Tipp ist also: Analysieren Sie die Szenen, in denen Sie schlagfertiger sein möchten, befreien Sie sich von persönlichen Mustern, die Ihrer Schlagfertigkeit im Wege stehen, und nutzen Sie dann mutig Ihre Erkenntnisse.

Herr Dahms, herzlichen Dank für dieses sehr aufschlussreiche Interview. Es war uns eine Freude mit Ihnen zu sprechen.

Dieser Text ist in ähnlicher Form in verschiedenen Zeitschriften erschienen und greift einige Fragen und Antworten aus Fernseh- und Radiointerviews auf.

© Christoph Dahms, 2009